Buchtipp: “Crazy Horse” – Die schillernde Welt der Seepferdchen | Buchrezension

Buchtipp: Crazy Horse - Die schillernde Welt der Seepferdchen

Werbung Abtauchen in eine fremde, faszinierende Welt – was derzeit coronabedingt in Form von Reisen nicht möglich ist, schaffen die richtigen Bücher von der heimischen Couch aus. Dass mich aber ausgerechnet ein Sachbuch den Alltag komplett vergessen lässt, ist allerdings außergewöhnlich. Wissenschaftsjournalist Till Hein nimmt den Leser in seinem Buch “Crazy Horse” mit auf eine ganz besondere Reise in die schillernde Welt der Seepferdchen – sachkundig und unterhaltsam zugleich.

Faszination Seepferdchen

Schon als Kind fand ich Seepferdchen absolut faszinierend: Diese geheimnisvollen unter Wasser schwebenden Wesen, deren Kopf wirklich wie der eines Miniatur-Rosses aussieht und die so anders sind als alle anderen Fische. Ja, es handelt sich wirklich um Fische, wer hätte das gedacht?! Sie gelten als anmutige Tänzer, Meister der Tarnung und romantische Liebende, aber ebenso auch als schwerhörige Vielfraße, launische Griesgrame und langsame Faulpelze. Till Hein lüftet so manches Geheimnis, erzählt von kuriosen Erkenntnissen der aktuellen Forschung und geht den Mythen auf den Grund, die sich um die Meeresbewohner ranken.

Seepferdchen | Bild von Arhnue Tan auf Pixabay

Bild von Arhnue Tan auf Pixabay

Seepferdchen – die Individualisten der Meere

“Als Gott das Seepferdchen erschuf, war er wahrscheinlich besoffen.”

Seepferdchen sind echte Freaks, ein Kuriosum der Schöpfung. Denn sie vereinen Eigenschaften und Charakteristika der verschiedensten Lebewesen miteinander. An ihrem Torso verfügen sie über einen känguru-ähnlichen Beutel, ihre Augen sind unabhängig voneinander beweglich wie bei einem Chamäleon, die lang gezogene Schnauze erinnert an einen Ameisenbären und mit ihrem biegsamen Schwanz können sie sich festklammern wie ein Affe. Auf dem Haupt tragen sie eine Krone, die so individuell ist wie der Fingerabdruck beim Menschen.

Die faszinierenden Wesen halten einen besonderen Rekord: Das Zwergseepferdchen ist der langsamste Fisch der Welt, an Land sind selbst Weinbergschnecken Sprinter dagegen. Trotz ihrer Langsamkeit und meditativen Ausstrahlung und trotz ihres Niedlichkeitsfaktors sind Seepferdchen Raubtiere. Äußerst gefräßige noch dazu, bereits Seefohlen verschlingen täglich bis zu 4000 Kleinstkrebse. Ein Seepferdchen frisst fünfmal so viel wie ein anderer Fisch der gleichen Größe. Wenn sie genervt oder gestresst sind, geben Seepferdchen Brummgeräusche von sich. Einzigartig im gesamten Tierreich: Schwanger werden die Männchen! Sie bringen bis zu 2000 Babys zur Welt.

Mehr als 120 Seepferdchen-Spezies wurden von Wissenschaftlern beschrieben, auch wenn die neuere Forschung nur noch von halb so vielen Arten ausgeht. Es gibt Seepferdchen-Arten die kleiner sind als ein menschlicher Fingernagel, andere Exemplare werden bis zu 35 Zentimeter groß. Je nach Spezies reicht ihre Lebensspanne von einem bis hin zu zwölf Jahren. Die Talente der außergewöhnlichen Fische sind bemerkenswert und vielfältig: Viele können ihre Farben nach Lust und Laune wechseln oder Tarnmuster annehmen. Zu ihren Stärken zählt der Ausdruckstanz, insbesondere zur “Hochzeit” – dann dauern die Tänze bis zu neun Stunden!

Mythen rund um die Seepferdchen

Die geheimnisvollen Seepferdchen scheinen geradezu prädestiniert zu sein für die Mythenbildung. So wurden ihnen im Lauf der Zeit die Heilkräfte für allerlei Krankheiten und Zipperlein zugesprochen, sie sollen ein Wundermittel gegen Seitenstechen, Tollwut, Haarausfall und (natürlich) Impotenz sein.

Seit Jahrtausenden inspirieren Seepferdchen die Menschen. Schon in der Mythologie der griechischen Antike fanden die Seepferdchen einen Platz: Sie wurden vor die goldene Kutsche des Meeresgottes Poseidon gespannt. Als Talismane sollen sie böse Geister abwehren und Seeleuten und Fischern Glück bringen. Kein Wunder, dass die Rösser der Meere über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg jede Menge Stoff für Geschichtenerzähler und Künstler liefern.

Die wohl ersten Abbildungen von Seepferdchen wurden als Höhlenmalereien von den Aborigines in Australien geschaffen. Vielleicht sind die Regenbogenschlangen aus der Traumzeit sogar schwangere Seepferd-Hengste?! In Europa stammen die ältesten Darstellungen aus der Bronzezeit, sie wurden auf Kreta gefunden und werden dem Volk der Minoer zugeschrieben. Aber auch bei den Phöniziern, Etruskern, Römern und Pikten finden sich Seepferdchen-Motive.

Seepferdchen in Wissenschaft und Forschung

Phänomene aus der Natur sollen als Vorbild für technische Innovationen dienen. Die Bionik schaut genau hin und lässt sich auch von Meerestieren inspirieren. So könnte die Biochemie des Seepferdchenpanzers wertvolle Erkenntnisse zur Entwicklung von robusten Kunststoffen beitragen. Die Robotik bedient sich beim Design des Seepferdchen-Greifschwanzes, beispielsweise für Such- und Rettungsroboter, Erdölbohrschächte, Exoskelette für Menschen mit Handicap, minimalinvasive medizinische Geräte oder für Greifhände zum Einsammeln von Weltraumschrott.

Bedrohte Seepferdchen-Welt

“Die Seepferdchen retten bedeutet die Meere retten!”

Obwohl Seepferdchen Lebenskünstler sind und rund um den Erdball in den verschiedensten Lebensräumen zuhause sind, geraten sie zunehmend in Bedrängnis. Grund: Der Mensch. Der Handel mit Seepferdchen boomt. Schätzungen besagen, dass rund 20 Mio. Seepferdchen in den Handel gelangen – pro Jahr! Ein Großteil davon landet als Beifang in den Schleppnetzen. Außerdem schrumpfen die Lebensräume der Seepferdchen bedenklich. Dazu gehören Mangrovenwälder, Seegraswiesen oder Riffe. Und auch der Klimawandel wirkt sich fatal aus. Laut Experten sind bereits fünfzehn Seepferdchen-Arten vom Aussterben bedroht. Naturschützer wie das Project Seahorse oder Greenpeace versuchen dem entgegen zu wirken, beispielsweise durch Meeresschutzgebiete.

Lesetipp: Crazy Horse von Till Hein

Buchtipp: Crazy Horse

Auf einen Blick – Lesetipp / Buchtipp: Crazy Horse

Titel: Crazy Horse – Launische Faulpelze, gefräßige Tänzer und schwangere Männchen: Die schillernde Welt der Seepferdchen
Autor: Till Hein
Erschienen: März 2021
Verlag: mareverlag
ca. 240 Seiten
ISBN 978-3-86648-643-0

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Transparenz-Hinweis / Offenlegung
Der mareverlag hat mir freundlicherweise ein kostenloses Rezensionsexemplar von “Crazy Horse” zur Verfügung gestellt.
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